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Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 22.06.2000

Die ehemaligen Fuchs-Werke in Badenstedt haben eine erstaunliche Wandlung erfahren. Privatinitiative machte das möglich.

Es ist ein bisschen wie auf einer Insel

Wo man heute Eier von glücklichen Hühnern kaufen kann, wo Tamilien die Hindu-Göttin Sri Muthumariamman verehren, kleine Betriebe und Künstler Unterschlupf gefunden haben, schwitzten noch bis 1994 Arbeiter an schweren Maschinen, wurden Operationstische und sterile Schränke hergestellt. Gemeint ist die "Aseptisch-dentale Möbelindustrie" - kurz: ADMI-Werke, die Nachbarn sagen schlicht Fuchs-Werke nach dem Familiennamen der Firmeninhaber.

An einigen Stellen auf dem rund 10.000 Quadratmeter großen Areal in Badenstedt sind noch letzte Spuren, die vom Industriealltag vergangener Jahre erzählen: In einem kleinen Raum stehen noch die Spinde der Arbeiter, an einem Schrank kleben uralte Bilder von Pin-up-Girls und irgendwo zwischen Bauschutt steht noch ein großer Kasten mit handgeschriebenen und völlig vergilbten Karteikarten, die von weltweiten Geschäftsbeziehungen des Familienunternehmens zeugen.

Bald sollen auch diese Überreste verschwunden sein. "In etwa einem Jahr will ich die großen Umbauarbeiten abgeschlossen haben", sagt Rolf Häcker. Der Ingenieur und Berufsschulleher hat vor sechs Jahren das Gelände mit den vier riesigen Gebäudekomplexen gekauft. Ein Arbeitstag unter zwölf Stunden ist seitdem für ihn Luxus. Der Zustand seiner Hände verrät, dass der 53-Jährige den gesamten Umbau nahezu in Eigenarbeit bestreitet. Häcker ist die Energie in Person. Wer ihn trifft, hat immer ein bisschen das Gefühl, ihm für sein Projekt wichtige Zeit zu stehlen, und wer sich von ihm über das Gelände führen lässt, muss mit dem talentierten Handwerker Schritt halten können.

Zwar hat Häcker in den vergangenen sechs Jahren bereits einen Großteil der Gebäude bewohnbar gemacht, "aber die Arbeit springt einen überall an", sagt seine Frau Ulrike Witte. Doch das bringt sie heute nicht mehr aus der Ruhe.

Als sie damals die Industriebrache kauften, wurden sie von vielen Menschen für verrückt gehalten. "Warum ich mir unbedingt so einen Pflegefall an Land ziehen musste, hat mich ein Sachbearbeiter beim Gewerbeaufsichtsamt gefragt." Die Antwort ist für Häcker ganz einfach: "Die Anlage hat mich fasziniert. Ich sehe die Fabrik als kleines Dorf, das ich erhalten und gestalten will", sagt er. Konkrete Pläne hatte er beim Kauf noch nicht. Da war nur sein Traum aus alten 68er Tagen, eine Insel innerhalb einer Gesellschaft zu schaffen.

Doch es sollte dauern, bis die Vision Wirklichkeit wurde. Denn beim Kauf standen die großen Hallen noch voll mit Maschinen und Schrott. Fensterscheiben waren kaputt, Dächer undicht und die Räume waren mit der museumsreifen Heizung nicht warm zu bekommen. In den ersten Jahren ist Häcker im Winter nachts häufig von Linden, wo er damals noch lebte, nach Badenstedt gefahren, um den Heizkessel für kurze Zeit anzuwerfen, damit das Wasser in den Rohen nicht gefriert. Und wenn es einen Wolkenbruch gab, mussten er und seine Frau überall in den Gebäuden Wannen aufstellen, um keine nassen Füße zu bekommen. "Manchmal war ich richtig verzweifelt und hatte Angst, dass sich mein Mann übernimmt", sagt Ulrike Witte.

Davon konnte in den ersten Jahren keine Rede sein. Eine kleinere "Katastrophe" Reihte sich an die andere. "Mal eine Überschwemmung, mal ein kleiner Brand", sagt Häcker und schmunzelt über das, was ihn damals fast aus der Fassung gebracht hat. Der Schuldenberg wuchs und wuchs. Dann auf einmal stellte der Ingenieur fest, dass Beispielsweise das 650 Quadratmeter große Dach der Montagehalle komplett erneuert werden mußte und das die Regenrinnen auf den Sondermüll gehören. "Wenn wir vorher gewußt hätten, was auf uns zukommt, hätten wir die Fuchs-Werke nie gekauft", sagt Häcker. Aber irgendwann hätten er und seine Frau aufgehört, über die Probleme nachzudenken. "Ich fragte mich morgens nicht, ob ich Lust habe weiterzuarbeiten. Ich muß einfach. Das ist meine Aufgabe", sagt er.

Die greifbaren Erfolge spornen dabei an. Wo früher Staubwolken über den Schotterhof wehten, blüht jetzt ein bunter Garten. Außergewöhnliche Wohn- und Arbeitsräume sind in den Fabrikhallen entstanden: Allein das Wohnzimmer der Bauherrn ist 20 Meter breit und fast so groß wie eine kleine Turnhalle. Licht fällt durch große Fensterfronten auf warme Holzfußböden. Trotzdem ist der Charakter der ehemaligen Fabrikräume erhalten geblieben. Häcker hat alte Ziegelsteine und Heizkörper wieder verwendet und die ursprüngliche Form der Fenster erhalten.

Mittlerweile haben sich in den Gebäuden 25 höchst unterschiedliche Betriebe, Künstler, Vereine und Werkstätten niedergelassen. Von der Schlosserei über einen Maler, eine Werbeagentur bis hin zu einem Wahrsager haben rund 60 Menschen auf dem Fabrikgelände einen Wohn- und Arbeitsplatz gefunden. Kooperationen sind entstanden. "Man greift sich gegenseitig unter die Arme", sagt der Tischler Sven Ullrich, der gern mit dem Metallbauer von gegenüber zusammenarbeitet. Auch für den Maler Michael Nonn war nicht nur sein großzügiges Atelier Grund, auf dem Gelände Wurzeln zu schlagen. "Es ist ein reizvolles Nebeneinander unter den Menschen entstanden, ein bißchen wie auf einer Insel."

SANDHYA GUPT