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Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 07.02.2004

Glück ist, nur den Hof zu fegen

"Kommen Sie einfach die rostige Wendeltreppe herauf", hatte er am Telefon gesagt, "das schwingende Geräusch der Schritte ersetzt eine Klingel". Kaum gelangt der Besucher oben an, steht Rolf Häcker schon in der Glastür. Von hier waltet er über das, was er in zehn Jahren harter Arbeit geleistet hat: den Rückbau, die Sanierung und die Neudefinition der früheren Fuchs-Werke in Hannover-Badenstedt. Vor zehn Jahren hat der damals 46-jährige Ingenieur den Kaufvertrag über die ehemals größte Fabrik im Stadtteil unterschrieben. Kurz zuvor hatten die Brüder Fuchs die Produktion von medizinischen Geräten eingestellt. Mittlerweile sind auf dem knapp 10 000 Quadratmeter großen Gelände an der Empelder Straße diverse neue Arbeits- und Wohnstätten entstanden.

Wohnen darf in diesem Industriegebiet aber nur, wer hier arbeitet. Allen voran Rolf Häcker mit seiner Familie, aber auch die Inhaber eines Metall verarbeitenden Betriebes, einer Werbeagentur und etliche Künstler, die auf dem Gelände ihr Atelier eingerichtet haben. Das lang gestreckte Backsteinensemble mit einer Gesamtfläche von 6000 Quadratmetern hat den Charakter eines Straßendorfs. Verkehr gibt es hier allerdings nur zum Zwecke der An- und Ablieferung. Ansonsten bleibt der Raum zwischen den beiden Hauptbauten autofrei. Die Menschen hier wollen die Ruhe genießen, die sich im gepflasterten Hof und im Garten mit vier alten Maulbeerbäumen mittlerweile eingestellt hat.

Das war nicht immer so. Obwohl ein Schadstoffgutachten gute Bodenwerte ergab, ließ Rolf Häcker die Freifläche auskoffern und mit 40 Sattelschleppern Mutterboden verfüllen, während einige nicht originale Gebäudeteile abgerissen, Dächer erneuert, gedämmt, Fenster ausgewechselt, Leitungen gelegt, eine Heizanlage installiert, neue Türen eingesetzt wurden und viele Maurerarbeiten zu erledigen waren. Die ersten anderthalb Jahre Jahre waren für den gebürtigen Schwaben und seine Frau Ulrike Witte entsetzlich. "Wenn wir gewusst hätten, wie es wird, hätten wir es nicht gemacht", sagen sie heute einvernehmlich. Aber sie wussten es nicht.

"Ich wollte eine Weiterentwicklung im historischen Stil". erklärt Rolf Häcker, der sich in seiner knappen Freizeit mit japanischer Zen-Philosophie beschäftigt. "Mu Mon", das torlose Tor, hat er die ehemalige Fabrik deshalb auch nach einem Zen-Rätsel genannt. Ein "klangvoller Name" sollte es sein, einer, dessen Bedeutung nicht gleich jeder versteht.

Die Sanierung unter ökologischen und ressourcesparenden Gesichtspunkten war dagegen umso bodenständiger. Am Reißbrett hat Rolf Häcker dabei nie gestanden. Stets versuchte er, an Ort und Stelle den (historischen) Geist der Bauten zu begreifen und in die Arbeiten mit einzubeziehen. So ersetzte er beispielsweise die Fenster des in den fünfziger Jahren aufgestockten ersten Stockwerks durch Holzsprossenfenster. Sie korrespondierten besser mit den alten Bogenfenstern im Erdgeschoss, die allerdings durch Holzdoppelfenster ersetzt wurden. "Uns von den alten Stahlbogenfenstern zu trennen, das war sehr schwer", sagt er. Doch nicht zuletzt deswegen klagt keiner der neuen Bewohner über kalte Räume.

Es ist gut möglich, dass Rolf Häcker für den Fabrikrückbau Fördermittel bekommen hätte. Beantragt hat er sie nie. "Wir wollten nicht überall einen Hofknicks machen", erklärt seine Frau. Und doch ist es gelungen, die notwendigen Zinsgelder für diverse Kredite schon nach anderthalb Jahren Bauzeit mit den Mieten der ersten 14 Bewohner zu finanzieren, die 1995 einzogen. Nur drei der Handwerker, die Häcker einstellte, ein Heizungsbauer und zwei Maurer, wurden vom Arbeitsamt unterstützt.

Mittlerweile ist die zweite Mietergeneration bei "Mu Mon" heimisch, und das zu einem vertretbaren Preis von drei bis sechs Euro pro Quadratmeter.

Darauf legt Rolf Häcker großen Wert. Die Böden in den Räumen sind häufig aus Parkett, die Dächer weisen viele Fensterflächen auf und sind - wenn möglich - atmungsaktiv gedämmt, der "Rhythmus der Fenster und Türen in den Fassaden" ist wieder harmonisch, schadhafte Mauern sind repariert, und der Hausschwamm ist ausgemerzt. Ende 2000 waren Bauarbeiten und Umnutzung der Räume abgeschlossen.

Rolf Häcker widmet sich seither kleineren Verschönerungsarbeiten, die immer noch groß genug sind, dass er ausgelastet ist.Dazu gehört die Perfektionierung der Heizungsanlage mit alten, gusseisernen Heizkörpern, deren Strahlungswärme sich "wie die von Kachelöfen auf den Raum auswirkt". Auch etliche Fenster in den alten Stahltüren und Backsteinwänden gilt es noch wiederherzustellen. "Irgendwann möchte ich auch mit Wärme-Kraft-Kopplung heizen", erzählt er. Alles sei schon dafür vorbereitet. Auch ein kleines Windkraftwerk auf einem der alten Fahrstuhlschächte schwebt ihm vor. Selbstverständlich sind die alten Fahrstühle längst wieder intakt und vom TÜV abgenommen.

Wer am Bonsaistudio und am Bioladen vorbei durch das Tor des Geländes kommt, könnte meinen, die Arbeiten hören niemals auf. Immerhin sind die Gebäude aus dem Jahr 1898. "Doch das hört auf", versichert Rolf Häcker selbstbewusst. "Ich habe immer mitgemacht und darauf geachtet, dass wir solide arbeiten." Deshalb geht es ihm mittlerweile richtig gut, wenn jemand anruft und fragt, was er gerade treibt, und er ihm entspannt erzählen kann: "Ich fege nur gerade den Hof."

Karin Vera Schmidt